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Gesundheitsprävention durch Digitalisierung

Die Digitalisierung hat zwar in den meisten Geschäftszweigen längst mehr oder weniger Einzug gehalten, der plötzliche Umstieg auf vollständige digitale Verfahren – sei es Home Office für Büromitarbeiter*innen, seien es Konferenzen oder die Kommunikation mit Dienstleistern und Partnern – hat der Entwicklung allerdings nochmals deutlichen Schub gegeben. Die Studie „social health @work“ der BARMER und der Universität St. Gallen untersucht nun, welche Rolle die vorher erworbenen digitalen Kompetenzen in der Krise für die Gesundheit der Mitarbeiter*innen spielen.

Unter anderem wurde analysiert, wie sich die virtuellen Führungsfähigkeiten von Vorgesetzten auf die Teammitglieder auswirken:  im Vergleich zu Teams, deren Führungskräfte kaum solche Kompetenzen vorweisen können, liegt die Arbeitszufriedenheit über 48% höher, die Kommunikations- und Koordinationsqualität innerhalb des Teams um fast 16%, und die Produktivität während der akuten Phase mobiler Arbeit lag ebenfalls bei plus 10%. Im Gegensatz dazu haben die Teams mit virtuell kompetenter Führung 15,5% weniger Stress und eine über 40% niedrigere Kündigungsabsicht.

Diese Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, das Augenmerk nicht nur auf funktionierende VPN- und Internetverbindungen oder gemeinsame Terminpläne zu legen. Auch die klassischen Skills sowohl von Mitarbeiter*innen sowie Führungskräften müssen an die neue Arbeitswelt angepasst werden.

Insgesamt ist digitale Kompetenz geeignet, auch die Gesundheit von Beschäftigten zu schützen, die zurzeit mobil arbeiten (müssen): ist diese stark ausgeprägt, haben die Mitarbeiter*innen im Gegensatz zu ihren weniger digital kompetenten Kolleg*innen eine deutlich höhere psychische und physische Arbeitsfähigkeit. Während Corona lag ihre Produktivität fast 14% höher, der Stresslevel dagegen über 6% niedriger. Auch gesundheitliche Probleme, wie Schlafprobleme, traten deutlich weniger auf.

Die Studienurheber*innen weisen zusätzlich auf die Wichtigkeit von Grenzmanagement hin: die verschwimmenden Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit im Home Office, zwischen Flexibilität und dem Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, können Stress und geringe Belastbarkeit hervorrufen. Klare Grenzen sowie die enge, virtuelle Einbindung ins Team, um die gewohnten Kontakte zu stärken und die Entstehung von Unsicherheiten und dem Gefühl von Isolation zu verhindern, wirken dem entgegen. Zugehörigkeit und die Wahrnehmung der eigenen Produktivität fördern zusätzlich eine bessere Gesundheitswahrnehmung.

 

Zur Studie „social health @work“ der BARMER und der Universität St. Gallen»

Welche Folgen hat der „Lockdown light“ für Unternehmen in Deutschland?

Mittlerweile dürfte jedem klar sein, dass wir uns mitten in der zweiten Welle der Corona-Pandemie befinden. Mit 15.000 Corona-Neuinfektionen meldete das Robert-Koch-Institut im Oktober sogar den bislang höchsten Wert während der gesamten Pandemie. Ab dem 2. November steht uns nun der „Lockdown light“ bevor, den Bund und Länder am Mittwoch beschlossen» haben. Dieser beinhaltet weitreichende Beschränkungen für das gesamte gesellschaftliche Leben. Insbesondere Unternehmen sind von den Maßnahmen stark betroffen.

Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels

Da, wo es möglich ist, sollen Mitarbeiter*innen ins Home Office geschickt werden. Kulturelle Einrichtungen wie Theater, Opern, Konzerthäuser, Clubs und Kinos, aber auch Fitnessstudios, Restaurants und Bars müssen zunächst bis Ende November schließen, um durch die Kontakteinschränkungen die Pandemie einzudämmen; Gastronom*innen dürfen immerhin noch Essen zum Mitnehmen anbieten. Auch wenn den Unternehmen zugesagt wurde, dass sie 75 Prozent des Umsatzes aus dem November 2019 als Entschädigung von der Bundesregierung erhalten, sind die Maßnahmen sehr umstritten. Schließlich kann niemand vorhersagen, ob die Maßnahmen Ende November tatsächlich fruchten oder eine Verlängerung des Lockdowns erforderlich ist.

So sprachen sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Virologen Streeck und Chanasit in einem gemeinsamen Positionspapier gegen einen Lockdown und schärfere Maßnahmen» aus. Stattdessen sollte auf Eigenverantwortung und Kontrolle der Einhaltung der Maßnahmen gesetzt werden. Die Schutzmaßnahmen sollten sich nur auf Risikogruppen konzentrieren und nicht nach dem Gießkannenprinzip erfolgen.

Unternehmen stark von der Pandemie betroffen

Vor einigen Tagen veröffentlichte die staatliche Förderbank KfW ihr jährliches Mittelstandspanel», bei dem ein düsteres Fazit für die kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland gezogen wurde.

Die Corona-Krise hinterlässt nicht nur tiefe Spuren in den Bilanzen mittelständischer Firmen, sondern hat auch Folgen für die Beschäftigung: mehr als eine Million Jobs stehen infolge der Pandemie auf dem Spiel. Zu diesem Ergebnis kommt die aktuelle Untersuchung der KfW. Demnach planen 16 Prozent der kleinen und mittleren Firmen in diesem Jahr die Zahl der Mitarbeiter*innen zu reduzieren, um Kosten zu senken. Die Zahl der Erwerbstätigen im Mittelstand könnte um rund 3,3 Prozent abnehmen – dies würde einem Verlust von fast 1,1 Millionen Arbeitsplätzen entsprechen.

Noch im vergangenen Jahr hatten die etwa 3,8 Millionen mittelständischen Firmen sowohl Umsatz als auch Mitarbeiter*innenzahl steigern können. Die Zahl der Beschäftigten erreichte der KfW zufolge mit 32,3 Millionen einen historischen Höchststand und die Umsätze stiegen im Vergleich zu 2018 um 3,5 Prozent.

Aktuelle Betroffenheit im Mittelstand durch die Corona-Krise
(Stand: 14. September 2020)

In einer aktuellen Sondererhebung der KfW, die von April bis September durchgeführt wurde, wird zudem deutlich, dass die Unternehmen auch ein halbes Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie und dem ersten Lockdown mit den wirtschaftlichen Konsequenzen zu kämpfen haben.

Psychische Belastungen für Mitarbeiter*innen

Für viele Unternehmen und deren Mitarbeiter*innen dürfte der erneute Lockdown eine große psychische Belastung darstellen. In den vergangenen Monaten waren ganze Branchen damit beschäftigt, sich von den ersten Lockdown-Maßnahmen einigermaßen zu erholen und nun stehen die gleichen Probleme aus dem Frühjahr erneut bevor. Für viele Unternehmensinhaber*innen und deren Mitarbeiter*innen bedeutet dies Existenzängste und Unsicherheit, wie es beruflich in den kommenden Wochen weitergehen wird.

Ergonomie im Home Office

Die Anforderungen an einen ergonomischen Arbeitsplatz sind gesetzlich klar geregelt und werden in vielen Unternehmen durch Arbeitsschutz oder Betriebsärzt*innen überprüft und angepasst. Nachdem ein Großteil der deutschen Unternehmen seine Büromitarbeiter*innen zur Verhinderung von Ansteckungen mit dem Coronavirus ins Home Office geschickt hat, waren diese Regelungen natürlich erst einmal hinfällig: zu verlockend ist es, auch auf der Couch oder bei gutem Wetter im Gartenstuhl zu arbeiten, oft am eigenen Laptop. Zwar bestehen zu dieser kurzfristigen Anordnung von Home Office im Gegensatz zur Telearbeit (s. Arbeitsstättenverordnung §2 Abs.7»)  häufig keine vertraglichen Grundlagen, grundsätzlich ist der Arbeitgeber aber verpflichtet, für einen sicheren Heimarbeitsplatz zu sorgen. Und während viele Unternehmen zwar angeben, auch in Zukunft Home Office ermöglichen zu wollen, handelt es sich zunächst um eine Übergangslösung während der akuten Pandemiezeit, deren weitere Entwicklung abzuwarten bleibt.

Die Bedingungen, unter denen viele Menschen zu Hause arbeiten, zeigt eine Umfrage der Fachhochschule Dortmund im Auftrag der Neuen Assekuranz Gewerkschaft» unter über 1.000 Erwerbstätigen in der Versicherungswirtschaft stellvertretend auf:

Quelle:
Homeoffice. Ergebnisse der NAG Homeoffice-Umfrage 2020 unter Beschäftigten der Versicherungswirtschaft.
Studie Dortmund/ Gießen, September 2020 Fachhochschule Dortmund | NAG (Herausgeber)

Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung  weist darauf hin, dass muskoskelettale Erkrankungen in der DACH-Region die häufigste Ursache für Krankschreibungen bzw. Arbeitsunfähigkeit sind, und zeigt die betriebswirtschaftlichen Auswirkungen arbeitsergonomischer Maßnahmen auf».

Um gesundheitlichen Folgen entgegenzuwirken, die bereits nach zwei Tagen auftreten können, empfehlen die Arbeitsschutzexpert*innen des TÜV folgende Maßnahmen zur Einrichtung eines sicheren Arbeitsplatzes zu Hause»:

  • Einrichtung: Ergonomischer Stuhl mit höhenverstellbarem Sitz und Armlehnen sowie dynamischer Rückenlehne. Der Tisch sollte möglichst matt sein, um nicht zu blenden, und die Tischkante sollte sich ungefähr auf Höhe mit den Ellenbogen befinden. Der Sehabstand zum Bildschirm sollte zwischen 50 und 80cm betragen, wobei die oberste Zeile nicht über Augenhöhe liegen sollte.
  • Haltung: Ober- und Unterarme sowie Ober- und Unterschenkel in 90-Grad-Winkel zueinander. Die Füße berühren den Boden vollständig.
  • Bewegung: wegfallende Gänge zu Meetings, zum Kaffeeholen oder in die Kantine führen zu noch mehr Sitzen. Die richtige Mischung besteht laut den Experten aus 50% Sitzen, 25% Stehen und 25% Gehen.
  • Wenn möglich: eigener Raum für eine bessere Trennung von Beruf und Freizeit, nichtblendende Lichtquellen (parallel zum Fenster) sowie ein externer Bildschirm mit je einzelner Maus und Tastatur.

Die Ausnahmesituation der Pandemie verlangt allen Beteiligten viel ab. Es ist daher unbedingt wichtig, dass die Maßnahmen, die zum Gesundheitsschutz von Arbeitnehmer*innen ergriffen werden, diesen nicht auf anderem Wege gesundheitlich schaden. Dazu gehört es eben auch, die notwendige Beachtung von Arbeitsschutzmaßnahmen auch auf die Arbeit im Home Office auszudehnen.

Betriebliches Gesundheitsmanagement in Zeiten von Corona – gefördert oder vernachlässigt?

Viele der von März bis August 2020 durch EUPD Research befragten Unternehmen haben mehrheitlich angegeben, dass sie Corporate Health Management ganz klar als entscheidenden Faktor für die Erhöhung des Employer Brandings und der Mitarbeiterbindung sowie als sehr wichtiges Zukunftsthema sehen:

Außerdem hatten sie auch schon ganz konkrete Pläne für 2020 und 2021 hinsichtlich der Themen, Konzepte und Handlungsfelder, die sie als Nächstes in ihrem Unternehmen angehen oder implementieren wollen:

Dennoch kämpfen viele Unternehmen aktuell nach wie vor oder wieder um die Existenz bzw. sind noch damit beschäftigt, die durch Corona aufgetretenen Probleme abzuarbeiten. Mitarbeiter*innen waren oder sind in Kurzarbeit, befinden sich dauerhaft im Home Office, Geschäftsreisen wurden vielerseits abgesagt. Die Auftragslage ging in vielen Branchen zurück.

Da ist es nur verständlich, dass Themen, die gerade nicht existenziell erscheinen, schnell in den Hintergrund rücken können. Dazu gehört in manchen Fällen leider auch das betriebliche Gesundheitsmanagement. Diese Rückmeldung haben wir teilweise auch in direkten Gesprächen mit den Unternehmensverantwortlichen erhalten, die diese Entwicklung zwar bedauern, zur Zeit aber keine andere Möglichkeit sehen. 

Dazu kommt, dass das Budget für Gesundheitsmanagement in Krisenzeiten oft unsicher ist und die Unternehmen Investitionen nur zögerlich tätigen. Laut Deutschlands größter Arbeitgeberstudie whatsnext2020», einer Kooperation von Techniker Krankenkasse (TK), dem Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) und Haufe, hängt die Tatsache, ob Budget in Krisenzeiten bereitgestellt wird, sehr stark vom Reifegrad des BGM in den jeweiligen Organisationen ab. Diejenigen Unternehmen, die bereits ein ganzheitliches BGM etabliert haben, gehen weit weniger davon aus, dass ihr Budget in Krisenzeiten reduziert werden muss (36,9%), während diejenigen Unternehmen, die bisher nur vereinzelte Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung umgesetzt haben oder bei denen sich das BGM erst im Aufbau befindet, mit nur noch 33,6 % davon ausgehen, dass die Krise nicht eine Budgetreduzierung zur Folge hat.

Darüber hinaus gibt es auch regionale Unterschiede. Bei der Budget-Thematik zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: Fast die Hälfte der befragten Unternehmen aus dem Norden geht von einer Reduzierung des Budgets für BGM/ BGF in Krisenzeiten aus. Bei den süddeutschen Unternehmen sind es nur 39,3 %.

Trotzdem bleibt festzustellen, dass rund 85,5 % der Geschäftsführer die Rolle des BGM als sehr hoch und als entscheidenden Erfolgsfaktor für ein Unternehmen einstufen.

Außerdem gibt es laut IFBG statistisch betrachtet keine bedeutenden Veränderungen hinsichtlich der Relevanz der abgefragten BGM-Themen im Laufe des Befragungszeitraums zu verzeichnen. Corona und der zwischenzeitliche Lockdown haben die großen Entwicklungen im Bereich New Work und BGM, wie etwa die Beschleunigung der digitalen Zusammenarbeit und der Wunsch nach flexibleren Arbeitsstrukturen, lediglich beschleunigt.

Was tue ich aber nun als Unternehmen am besten? Sicherlich steht die Sicherung der Existenz und der Arbeitsplätze erstmal im Vordergrund.

Trotzdem sollten bereits implementierte BGM Strukturen sowie konkrete Maßnahmen weiterverfolgt und an die aktuelle Situation angepasst werden. Hier ist es wichtig zu schauen: Was braucht es jetzt am dringendsten? Auch die Gesundheitsmanager sind gefragt. Werden zum Beispiel aktuell besonders Führungskräftecoachings zu Remote-Führung und den damit verbundenen Herausforderungen benötigt? Oder liegt der Bedarf vielleicht gerade verstärkt bei Angeboten zum Thema Mental Health oder zur Möglichkeit der sozialen Interaktion von isolierten Mitarbeiter*innen im Home Office? Sind es digitale Tools, die die Zusammenarbeit aus der Ferne erleichtern? Wie kann ich mein vielleicht knappes Budget trotzdem effektiv einsetzen? Welchen Nutzen bringen mir steuerlich günstige §20-Angebote?

Jedes Unternehmen ist ein individuelles holistisches System und sollte auch als solches betrachtet werden. Nur dann kann die individuelle Analyse und Beratung gerade in Krisenzeiten gelingen und erfolgreich sein.

Sollten Sie aktuelle Unterstützung, Beratung oder Tipps benötigen, kontaktieren Sie uns gern: 
k.steinbeck@eupd-research.com»
Tel:  +49 (0)228-97143-67

VUCA oder: Führung auf Distanz

Gerade auch für Führungskräfte stellt die Umstellung der Arbeitswelt als Antwort auf die COVID-19-Pandemie eine Herausforderung dar. Während viele Arbeitnehmer*innen sich im Home Office eingerichtet haben und dort ihren Arbeitsalltag planen, sind ihre Chefs weiterhin für die nun digitale Koordination von Teams zuständig, für die Lenkung ihrer Prozesse und die Sicherstellung der Kommunikation zwischen und mit den Mitarbeiter*innen. Die Aufgaben haben sich nicht geändert – der Umgang damit aber grundlegend.

Merkmale dieser Situation werden schon länger unter dem Stichwort VUCA» zusammengefasst:

V = Volatility (Unbeständigkeit)
U = Uncertainty (Ungewissheit)
C = Complexity (Komplexität)
A = Ambiguity (Mehrdeutigkeit)

Durch neue Fallzahlen oder geänderte Rahmenbedingungen nach Vorgabe von Bund und Ländern ändern sich die Umstände ständig. Die Dynamik der Zusammenarbeit wird von den vielen Variablen der orts- und zeitflexiblen Arbeit beeinflusst, und der fehlende direkte Kontakt führt oft zu einem Gefühl eines ebenfalls fehlenden Überblicks.

Dieser Kontrollverlust trifft, je nach bisherigem Führungsstil, manche Führungskräfte stärker als andere, aber alle müssen lernen, diesen auszuhalten und in kreative Bahnen zu lenken. Dazu gehört insbesondere die Kommunikation mit den Mitarbeiter*innen, die nun viel stärker individualisiert stattfindet und den jeweiligen Unterschieden Rechnung tragen muss – wer braucht wirklich wie viel Feedback? Bei wem stehen bspw. zusätzliche Belastungen durch die Home Office-Situation einer guten Arbeitsatmosphäre und der Motivation entgegen, und was kann das Unternehmen dagegen tun? Welche Art des Kontakts und welche digitalen Tools sind dafür geeignet?

Gerade diese neue, verstärkte Fürsorge kann eine zusätzliche Belastung für Führungskräfte darstellen. Auch sie müssen aufpassen, ihre eigene Resilienz nicht zu überfordern, und einer zeitlichen Entgrenzung entschieden entgegentreten. Micromanagement ist nun weniger gefragt als klare Strukturen, Empathie, Vertrauen und Sicherheit.

Remote-Führung bleibt also ein Lernprozess für alle Beteiligten.

Was bedeuten die neuen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung für Arbeitgeber*innen?

Deutschland bereitet sich auf die „Zweite Welle“ der Covid-19-Pandemie vor. Am 14. Oktober lud Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin zum „Coronagipfel“ der Bundesregierung und der Bundesländer», um die Herausforderungen und mögliche Maßnahmen» zu diskutieren, damit die Pandemie eingedämmt werden kann, ohne dass Gesellschaft und Wirtschaft einen allzu großen Schaden davontragen.

Neben Verordnungen, die das gesellschaftliche Miteinander regeln wurden auch einige Maßnahmen beschlossen, die sich an Unternehmen richten. Darunter sind beispielsweise Finanzhilfen für Unternehmen, die aufgrund der neuen Regeln ihren Geschäftsbetrieb einschränken müssen.

Eine endgültige Entscheidung über die Zulässigkeit eines Beherbergungsverbots, wie es bereits in einigen Bundesländern eingeführt wurde, soll erst im November getroffen werden. Dies ist sehr umstritten, da es nicht nur Reisende auf der Suche nach einer Unterkunft vor Herausforderungen stellt, sondern auch Hotels daran hindert, Gäste aufzunehmen und Umsätze zu erwirtschaften, die in der ohnehin schon stark gebeutelten Tourismusbranche schon eine sinkende Tendenz aufzeigen. Auch für Geschäftsreisen stellen diese Regeln eine Herausforderung dar.

Im kürzlich vorgestellten Herbst-Gemeinschaftsgutachten des Instituts für Wirtschaft in Kiel (ifW Kiel), des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin), dem ifo-Institut, dem Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V. und weiteren Instituten wird deutlich, dass die Corona-Pandemie erhebliche Einschnitte für die deutsche Wirtschaft mit sich bringt. Wurde im April dieses Jahres noch vorausgesagt, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland um 4,2 Prozent schrumpfen würde, so wurde diese Prognose nun auf einen Rückgang um 5,4 Prozent korrigiert.

Gefahren für Betriebe und Arbeitnehmer*innen

Im Zuge der sich allmählich zuspitzenden „Zweiten Welle“ der Pandemie befürchten viele Unternehmen erneute geschäftseinschränkende Maßnahmen, wie sie bereits im Frühjahr eingesetzt wurden. Damals durften Gaststätten wochenlang keine Kundschaft im Laden begrüßen, der Einzelhandel musste seinen Betrieb gänzlich einstellen. Nur Geschäfte, die die Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellten, durften noch öffnen.

Auch ein milliardenschwerer Rettungsschirm der Bundesregierung konnte offenbar nicht alle Unternehmen vor dem wirtschaftlichen Aus oder einer Umstrukturierung bewahren. Damit verbunden sind auch zahlreiche Arbeitsplätze, die in den vergangenen Monaten abgebaut werden mussten bzw. derzeit in Gefahr sind. Diese Unsicherheit wirkt sich dauerhaft auch auf die Mitarbeiter*innen aus, die durch die permanente wirtschaftlich bedingte Drucksituation anfälliger für psychische Belastungen» wie Panikattacken oder Depressionen werden und sich krankschreiben lassen.

Arbeitgeber*innen müssen also zwei Herausforderungen meistern: das eigene Unternehmen profitabel halten und die Führung so gestalten, dass die Belegschaft psychisch entlastet» wird.

Gibt es bald ein Recht auf Homeoffice?

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat angekündigt, sein „Mobile-Arbeit-Gesetz“ vorzulegen. Dieses sieht unter anderem vor, dass Arbeitnehmer*innen in Berufen, in denen dies möglich ist, künftig einen gesetzlichen Anspruch darauf haben, mindestens 24 Tage im Jahr vom Homeoffice aus»  zu arbeiten.

Ausgangspunkt ist laut Hubertus Heil die Corona-Pandemie, welche den Arbeitsalltag in vielen Organisationen nachhaltig auf den Kopf gestellt hat. Unternehmen, die vorher ausschließlich auf Büropräsenz bestanden, waren plötzlich dazu gezwungen, ihre Mitarbeiter*innen vom Homeoffice aus arbeiten zu lassen, um den Betrieb auch während der verschärften gesetzlichen Hygienebestimmungen zu gewährleisten. Während einige Expert*innen schon prognostizierten, dass es künftig keine Büros mehr geben wird, dürfte es in der Praxis immer mehr Unternehmen geben, die das Homeoffice allmählich wieder einschränken.

Arbeitgeber*innen sollten allerdings darauf hören, was ihre Mitarbeiter*innen sich wünschen: Wie die LinkedIn-Umfrage zum Homeoffice vom Juni 2020 ergab, können sich 51% der Befragten vorstellen, weiterhin im Homeoffice zu bleiben, um Social Distancing zu wahren.

Herausforderungen für Führungskräfte

Die Vorteile der Remote-Arbeit liegen für Arbeitnehmer*innen auf der Hand: Sie sparen sich zum Teil lange Anfahrtswege, können ihren Arbeitstag flexibler gestalten und verringern gesundheitliche Risiken. Allerdings sind diese Möglichkeiten auch mit Risiken verbunden, die von den Arbeitgeber*innen und Führungskräften berücksichtigt und antizipiert werden müssen. Dazu gehört die zunehmende Entgrenzung des Arbeitstages ebenso wie die psychischen Risiken, sich durch den fehlenden persönlichen Kontakt zu Kolleg*innen den Arbeitstag über sehr einsam zu fühlen. Aber auch Führung muss remote anders gedacht werden. Führungskräfte müssen beispielsweise ein Gespür dafür entwickeln, wie viel sie mit ihren Teams kommunizieren: einige Mitarbeiter*innen brauchen gerade remote viel Kommunikation mit ihren Führungskräften, für andere Mitarbeiter*innen kann dies schnell anstrengend werden und sich wie Kontrolle anfühlen. Die Teams sollten daher vorab untereinander eine Lösung abstimmen, wie viel oder wie wenig Kommunikation notwendig ist, um einen reibungslosen und vertrauensvollen Arbeitsablauf zu gewährleisten.

New Work: Sind Frauen die Verlierer der Corona-Pandemie?

Die Pandemie deckt viele Problemstellen unserer Arbeitswelt auf. Während ganze Branchen, zum Beispiel der Event- und Messebereich, immer noch vor existenziellen Schwierigkeiten stehen, konnte immerhin die Kurzarbeit in vielen Unternehmen wieder zurückgefahren werden. Die Erkenntnisse aus den letzten Monaten werden uns jedoch noch lange beschäftigen und stellen die Organisation der Arbeitswelt vor neue Herausforderungen. Für Arbeitgeber ist es daher wichtig, diese in Zukunft stärker zu berücksichtigen. Vor allem Frauen, insbesondere Mütter, werden von den erschwerten Bedingungen besonders belastet.

Zwar wurden deutlich mehr Männer als Frauen in Kurzarbeit geschickt, was aber auch an den unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten liegt. Dennoch sind Frauen nicht nur aufgrund des „Gender Pay Gap“, also der unterschiedlichen Lohnhöhe für Männer und Frauen, die laut einer aktuellen Studie von Mercer» zwischen 5,5 und 19,3 Prozent liegt, viel stärker betroffen. Zusätzlich spielen noch steuerliche Gegebenheiten eine Rolle. Insbesondere das verbreitete Steuermodell des Ehegattensplittings mit der Kombination der Steuerklassen 3 und 5 ist hierfür verantwortlich, wie der Deutsche Juristinnenbund aufzeigt». Da Lohnersatzleistungen wie das Kurzarbeitergeld vom Nettolohn abhängen und dieser im Splittingmodell deutlich niedriger ist, verringert sich das Gehalt verheirateter Frauen sehr viel stärker als die eigentlich vorgesehene Kürzung.

Auch die bereits vorher stark vorhandene Mehrfachbelastung von Müttern ist während der Pandemiezeit nochmal gestiegen: Dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge» sind sie deutlich häufiger ins Home Office gegangen (28%, gegenüber 17% der männlichen Arbeitnehmer) und waren damit während der Schließungen von Betreuungseinrichtungen und Schulen für weitere Care-Arbeit sowie für das Home Schooling verantwortlich. Und das, obwohl bereits vor Corona Frauen laut BMFSFJ» 52,4% mehr unbezahlte Sorgearbeit übernahmen als Männer.

Linked Personnel Panel Beschäftigtenbefragung 2019 und April/Mai 2020 (N=1.060). Balanciertes Panel. Angaben sind gewichtet.
© IAB

Neben den wichtigen politischen Ansätzen wie der Streichung des Ehegattensplittings zugunsten einer gemeinsamen Steuerklasse IV oder der Erhöhung von Kinderkrankentagen bedeuten diese Erfahrungen für Arbeitgeber, bei zukünftigen Maßnahmen die geschlechterspezifischen Situationen besser zu berücksichtigen. Dazu gehört es, eine gerechte Arbeitsverteilung zu ermöglichen, z. B. durch flexiblere Arbeitszeiten im Home Office, möglichst unkomplizierte Regelungen bei Betreuungsausfall, um alle Elternteile zu entlasten.

Unternehmen müssen BGM auch im Homeoffice umsetzen

Durch die Covid-19-Pandemie hat sich die Arbeitswelt verändert. Mittlerweile wissen wir, dass diese Änderungen nicht nur temporärer Natur sind, sondern das Homeoffice eine dauerhafte Lösung für viele Mitarbeiter darstellt. Eine neue Studie legt nahe, wie Unternehmen sich auf die neue Situation einstellen müssen.

Wie können Angestellte von ihren Arbeitgebern dabei unterstützt werden, auch in ihren eigenen vier Wänden einen produktiven und gesunden Arbeitsalltag zu gewährleisten? Mit dieser Fragestellung hat sich die Studie „Gesundes Homeoffice“ befasst, die im Zuge der Corona-Krise von der mhplus Krankenkasse und der SDK Süddeutsche Krankenversicherung durchgeführt wurde und bei der rund 1.500 Arbeitnehmer befragt wurden.

Mehr als jeder vierte 18- bis 34-jährige Befragte gab an, dass er sich Schulungen in Bezug auf Ernährung, gesunde Sitzhaltung und Bewegung im Homeoffice wünscht. Vor allem Schulungen in Bezug auf Zeitmanagement und Arbeitsplanung stehen hierbei ganz oben auf der Wunschliste. Rund ein Drittel der Befragten wünscht sich hierbei Unterstützung durch den Arbeitgeber. Ca. 30 Prozent der befragten Teilnehmer unter 35 gab zudem an, dass ihnen eine klare Abgrenzung zwischen Arbeit und freier Zeit sehr am Herzen liegt.

Für viele Unternehmen wie Angestellte ist das Thema Homeoffice noch immer recht ungewohnt – erst die Covid-19-Pandemie hat sie dazu gezwungen, sich mit flexiblen Arbeitsformen auseinanderzusetzen. Die Gefahr psychischer Belastungen ist sehr hoch, wenn zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer keine klaren Grenzen festgelegt werden und Arbeitnehmer das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen. Aus diesem Grund ist Betriebliches Gesundheitsmanagement unverzichtbar, damit Mitarbeiter sich auch außerhalb des gewohnten Büroumfeldes gesundheitsförderlich verhalten, um dauerhaft leistungsfähig zu bleiben.

Zur Arbeitnehmerstudie Gesundes Homeoffice »

Wieviel Glück steckt im Arbeitsplatz?

Laut jährlichem Glücksreport 2020 stehen die Finnen auf dem Siegertreppchen, gefolgt von den Dänen. Wie kommt es, dass die Skandinavier immer wieder so erfolgreich sind?

Die Ergebnisse des Glücksreports sorgen jedes Jahr für Gesprächsstoff, werden doch wichtige gesellschaftliche Rahmenbedingungen untersucht, darunter das Sozialsystem im Allgemeinen. Aber auch Faktoren wie gegenseitige Unterstützung und Zusammenhalt und der Wert flexibler Arbeitszeiten werden in die Studie einbezogen. In beiden Ländern zählt das Resultat der Arbeitszeit mehr als die Büro-Präsenz, es wird viel Wert auf die Förderung von Weiterbildung und Bildung gelegt. Finnland und Dänemark haben zudem den Ruf, viel für die Work-Life Balance zu tun und besonders familienfreundlich zu sein. Deutschland hat in diesem Jahr lediglich Platz 17 erreicht.

Interessant werden wohl auch die Studienergebnisse, sobald der Einfluss der Corona-Pandemie zurückgeht, da auch die Glücksfaktoren am Arbeitsplatz Einfluss auf das Ranking haben. Zuletzt ergab die Befragung in Deutschland die folgende Reihenfolge dieser fünf Faktoren:

  1.    Gehalt
  2.    sinnvolle Arbeit
  3.    Flexible Arbeitszeiten und/oder Homeoffice
  4.    Standort des Büros
  5.    Unternehmenskultur/Arbeitsplatz
  6.    Management/Führungskultur

Die Bedeutung des Gehalts sinkt, je zufriedener ein Mitarbeiter mit seiner Firma und seinem Arbeitsbereich ist. Von den Studienteilnehmern, die in die Kategorie „sehr zufrieden“ eingingen, erwarten nur achtzehn Prozent eine Gehaltserhöhung. Hier wird mehr Wert auf kostenfreie Mittagsangebote oder Annehmlichkeiten im Gesundheits- und Fitnessbereich gelegt.

Die Arbeitsplatzsituation wird in der Studie, die seit 2012 weltweit und zuletzt in 156 Ländern stattfand, regelmäßig ausgewertet. Dass Deutschland bisher nicht mit Spitzenplätzen beeindrucken konnte, lag unter anderem an der Situation rund ums Home Office: Während in den USA und in Großbritannien über 50 Prozent der Mitarbeiter regelmäßig im Home Office arbeitete, waren es in Frankreich nur 40 Prozent und in Deutschland unter 40 Prozent. Es wird also spannend werden, was die zukünftigen Studien zeigen, denn die zufriedensten Mitarbeiter arbeiten laut Happiness Index regelmäßig im Home Office.

Dennoch kann dies nur einer der betrachteten Aspekte sein; auch weitere Themen werden eher selten beleuchtet, darunter das Gefühl von Zugehörigkeit zum Betrieb. Das Konzept der „Sozialen Organisation“ hat sich längst von einer Idee zur konkreten Realität entwickelt, wie die aktuelle Studie von Deloitte zeigt, an der fast 9.000 Führungskräfte in 119 Ländern teilnahmen.

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